Wie das Netz die Kunst befreit – Gastbeitrag von Dr. Christian Gries

Man kann wohl trefflich darüber streiten, ob es wirklich eine „Befreiung“ ist, die das Zusammentreffen vermeintlicher Hochkultur und dem digitalen Raum markiert. Je nach Position lassen sich ausführlich Argumente finden, ob es sich um eine Rettung oder Erlösung, eine Gefangennahme, Trivialisierung oder Egalisierung handelt. Auf allen Ebenen der vermeintlichen Hochkultur wird gestritten, – in der Wissenschaft, im Theater oder Museum, in der Bibliothek und im Archiv. Wo also verändert das Internet die Kunst? Wo verändert das Netz das Publikum, bzw. auch die Art und Weise, wie wir mit der Kultur umgehen? Ob die Kunst überhaupt befreit werden möchte? Und wer befreit sie eigentlich und wovon?

Die Hochkultur ist längst im Netz angekommen
In der Hochkultur ist das Netz längst angekommen. Kaum eine Kultureinrichtung, die keine Website hat und die Bedeutung des Digitalen (wenigstens ansatzweise) einzuordnen weiß. Auch wenn diese Einordnung gerade in Deutschland vielfach einer deutlich konservativen Wahrnehmung folgt, viel zu wenig Worte, Offenbarungen und formulierte Visionen hat und die Institutionen überwiegend wenig Bereitschaft zu Aufbruch oder Experiment zeigen (wir reden auch vom „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“), so ist doch eine Veränderung festzustellen, die auch nach Jahren noch als Paradigmenwechsel markiert wird. Und wenn wir mit dem Begriff der „Befreiung“ zunächst vorsichtig sein wollen, so können wir doch zumindest von einer deutlichen „Bewegung“ sprechen. Diese löst das Kulturgut, also Museumsexponate, das gesprochene Wort oder die Musik aus der tradierten Umklammerung klassischer Strukturen und führt sie in neue Situationen. Impulsgeber dieser Bewegung sind zuweilen die Kreativen, meist aber das Publikum selbst, das sich in neue Räume bewegt und mit eigenen Handlungsmustern und Inszenierungen um das Kulturgut experimentiert.

Obrist

Künstler und Kuratoren auf Instagram und Twitter
Auf der einen Seite sind es die Künstler selbst, die sich über das Digitale neu inszenieren und den kreativen Output, auch in den sozialen Medien, fortschreiben. Eine Bewegung die meines Erachtens dem Aufbruch der Künstler aus den geschlossenen Ateliers in die Freilichtmalerei zu Beginn des 19.Jahrhunderts durchaus vergleichbar ist. Und wer die Kampagnen von Ai Weiwei, die wunderschönen Lichtmanifestationen von Olafur Eliasson, die Portraitserien von Richard Prince, die tropfende Ironie in den Postings von David Shrigley oder die Handwriting-Kampagne von Hans-Ulrich Obrist auf Plattformen wie Twitter oder Instagram betrachtet, wird sich bewusst, dass das Digitale in das künstlerischen Gesamtwerk der Urheber hineingewachsen ist.

rembrandtsreise

Die Befreiung durch das Publikum
Auf der anderen Seite ist es aber auch das Publikum, das sich zuweilen neue, eigene Ansätze und Inszenierungen im Umgang mit der Kultur sucht. Wenn die Menschen „digital durchs Museum schlendern“ eröffnen sich neue Zusammenhänge und Ansätze, werden neue Veranstaltungsformate geboren und Konditionen des Betrachtens und Rezipierens verändert. Am radikalsten erscheint mir derzeit aber ein Vorgang, wie ihn die Pinakotheken in München 2014 mit „Rembrandt Reise“ auslösten: dort wurden das Kunstwerk als Kopie komplett aus dem Museum befreit und an das Publikum übergeben. Der Vorgang portierte ein Selfie von Rembrandt aus dem Jahr 1629 in die Gegenwart des 21.Jahrhundert. Und die Menschen haben das Portrait aufgenommen und in ihren Alltag, ihre Reisen und Erlebnisse eintreten lassen. Ein unerhörter und grandioser Vorgang. Mehr „social“ geht eigentlich nicht. Das möchte ich auf dem stARTcamp in Münster markieren.

Dr. Christian Gries, München 2014

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